Auf dem Prüfstand – Werde, wer du eigentlich bist

werde wer du eigentlich bist

Es gibt Stunden, Tage, Wochen, Monate, da scheint man auf einem Prüfstand zu sein: alles wird abgeklopft, die Substanz wird geprüft, beleuchtet, …, jede kleinste Stelle, jede verborgene Nische.

Möglicherweise ist es eine regelmäßige technische Überprüfung, die in bestimmten Abständen erfolgt, so wie die Hauptuntersuchung für Autos beim TÜV. Vielleicht ist es auch eine besondere und außerordentliche Prüfung, weil der Verdacht besteht, dass es möglicherweise verdeckte Mängel gibt.

Relativ gelassen und zuversichtlich treten wir dem Prüfstand entgegen, wenn wir uns sicher sind, dass die Substanz und der Zustand gut und in Ordnung sind. Wir haben uns stets regelmäßig gekümmert, die Substanz gepflegt und viel getan, um alles gut in Ordnung zu halten. Immer wieder haben wir einen Blick auf die möglichen Schwachstellen geworfen. Und wir haben selbst oder mithilfe von Fachleuten rechtzeitig das getan oder veranlasst, was zu tun war.

Wir wissen, auf dem Prüfstand sind keine größeren negativen Überraschungen zu erwarten. Wenn überhaupt, wird es höchstens eine Kleinigkeit sein, die der Korrektur bedarf. Voller Gewissheit und Vertrauen bleiben wir während der Überprüfung gelassen im Komfortbereich.

Wenn wir uns aus verschiedenen Gründen im Vorfeld nicht so intensiv gekümmert haben, wenn wir nicht wissen, wie der Zustand der Substanz ist, kann so eine Prüfung ordentlich aufreibend sein. Es ist völlig offen, was sich zeigen wird. Halten dann Bereiche der Prüfung gut stand und erweisen sich als in Ordnung und solide, sind Freude und Zuversicht im Vordergrund und die Stimmung steigt.

Werden aber viele Fehlstellen, morsche Bereiche und Rost entdeckt und freigelegt, sind meist Unmut, Verunsicherung, Zweifel oder gar Resignation im Vordergrund und die Stimmung sinkt.
Diese emotionale Achterbahnfahrt ist meist anstrengend, mühsam und nicht sehr komfortabel.

Manchmal ist es auch so, dass wir uns im Hinblick auf den Zustand der Substanz sicher und voller Gewissheit fühlen, aber sich dann doch völlig überraschend und unerwartet Schwachstellen und Mängel zeigen, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten.

Häufig trifft es uns besonders hart, wenn wir im Vorfeld so sicher waren, alles getan zu haben und dann davon überrascht werden, dass wohl doch nicht alles so war, wie es sein soll.
Das Vertrauen ist erschüttert, Zweifel machen sich breit und die Gelassenheit ist dahin.
Ratlos und hilflos fragen wir uns: „Was hätte ich denn anders machen sollen? Ich hab’ doch alles getan.“
Wir fühlen uns als Spielball höherer Instanzen, denen wir hilflos ausgeliefert sind.

Auch wenn wir es in schwachen Momenten manchmal glauben, Prüfstände sind in der Regel nicht dafür gemacht, uns zu ärgern, zu bestrafen oder zu belohnen.

Meist werden Prüfstände genutzt, um die Qualität und Belastbarkeit zu prüfen und nach Schwachstellen zu schauen. Auf dem Prüfstand wird abgeglichen, ob der Ist-Zustand dem Soll-Zustand entspricht. Es geht darum, das Wesentliche, die Substanz, anzuschauen. Und es wird überprüft, ob alles so ist, wie es sein soll, um optimal der eigentlichen Bestimmung dienen zu können.

Von innen und von außen wird überprüft, hinterfragt, getestet. Verbunden mit der Aufforderung, hinter die äußere Fassade zu schauen. Worum geht es wirklich? Was ist der Kern, was ist die Substanz?

Was hält stand und ist stabil, tragfähig und in Ordnung? Gibt es morsche und rostige Stellen? Gibt es wichtige Stellen, die nur notdürftig geflickt oder zugespachtelt wurden? Braucht es größere Reparaturen oder Korrekturen? Was muss erneuert werden?

Auf dem Prüfstand unseres Lebens werden wir von Zeit zu Zeit aufgefordert, innezuhalten und uns die Substanz-Fragen zu stellen:
Wie sind meine Beziehungen? Sind sie tragfähig und gut für beide Seiten? Ist etwas zu ändern?
Ist mein Beruf mir Berufung? Entspricht mein Beruf dem, was ich bin? Steht eine Umorientierung an?
Wie wohne ich? Entspricht es mir? Braucht es hier eine Veränderung?
Wie lebe ich? Lebe ich das, was ich (eigentlich) bin, was meinem tiefsten Kern, meiner Substanz, entspricht und für mich wirklich sinn-voll ist?

Dieses Hinterfragen, Durchgerüttelt- und Geprüft-Werden ist oft anstrengend, ungewiss und unkomfortabel, manchmal auch voller Angst und Schmerz.
Aber es ist gut und wichtig und richtig, denn es fordert uns auf, aus den gewohnten Bahnen herauszutreten und mit anderer Sicht auf uns und unser Leben zu schauen.

Nach so einer „Hauptuntersuchung“ ist alles wieder klarer, ehrlicher, echter. Wir kennen dann wieder den eigentlichen Zustand, kennen die Qualität der Substanz, wissen um Stellen und Schwachpunkte, um die wir uns kümmern sollten. Und wir können diese Zäsur und Prüfung nutzen, um uns wieder neu zu justieren und neu zu finden. Die anschließende Neuausrichtung hilft, uns vor Schaden zu bewahren.

Archetypisch ist Saturn der Hüter der Schwelle und ein klarer unbestechlicher Prüfer und Lehrer. Ihm geht es um Konzentration auf das Wesentliche, um Ordnung, Verantwortung, Handeln. Seine Aufgabe übernimmt er zäh, unnachgiebig und eher sachlich, ohne Emotionen. Er agiert aus der Notwenigkeit und Klarheit dessen, was wirklich wichtig ist.

Der strenge Prüfer fordert uns auf, das Wichtige und Richtige zu tun. Er mahnt uns, mit Arbeit, Disziplin und Geduld klar und gradlinig die Dinge zu tun, die essentiell sind für unsere Selbstverwirklichung.

Was wäre anders in unserem Leben, wenn wir die eigene Substanz und Essenz kennen und wertschätzen? Wohin führt es, wenn wir wahrhaftig mit uns und anderen sind, der eigenen Bestimmung folgen und uns auf das Wesen(tliche) zu besinnen?

Das ist der Weg der Meisterschaft.
Der Weg zurück zum Ursprung.
Werde, wer du (eigentlich) bist.

Vielleicht ist es dieser Weg, den Xavier Naidoo in einem Lied mit folgenden Worten beschreibt:

„Also ging ich diese Straße lang
und die Straße führte zu mir.
[…]
Noch ein paar Schritte und dann war ich da,
mit dem Schlüssel zu dieser Tür.

Dieser Weg wird kein leichter sein,
Dieser Weg wird steinig und schwer.
Nicht mit vielen wirst du dir einig sein.,
Doch dieses Leben bietet so viel mehr.
[…]“

Von Herzen,
Anja Trude

Foto:©feworave, pixabay